Kräuterreport Juni 2002 von Christina Voormann:

Zwischen Richard Shermans Deutschlandbesuch im Dezember und meinem nächsten Trip ins Reservat vergingen fast 6 Monate. Wir kommunizierten häufig per Telefon und Fax, tauschten Ergebnisse und neue Ideen aus. Wir beschlossen Kontakt mit Peter Matthies aufzunehmen, einem Unternehmer, der seit fast 50 Jahren in den U.S.A. lebt und in Wisconsin die Badger Oil Company leitet. Hierbei handelt es sich um den Hersteller von biologischen Speiseölen. Peter war gleichzeitig auch der U.S.A Ansprechpartner der Firma Montfors, bei der wir die erste Ölpresse für Pine Ridge bestellen wollten. Peter arbeitet mit Universitäten zusammen und fand den Versuch Samen der Wildpflanzen zu pressen äußerst verlockend und spannend. Er kam Juni ins Reservat und konnte als Berater gewonnen werden. Peter Matthies arbeitet in ähnlicher Angelegenheit mit den Ojibwa/Anishinabe zusammen, wo man pflanzliche Produkte wie z.B. Ginsengkapseln bereits herstellt. Es ist geplant, daß Sherman ein Praktikum bei Matthies absolviert und anschließend auch Kontakt mit den verantwortlichen Ojibwas aufnimmt, zwecks Erfahrungsaustausch und evt. Vernetzung.

Richard und ich setzten unsere Kräuterexkursionen intensiv fort und viele der gepflückten Planzen und Wildgemüse Sorten landeten sowohl auf der Baustelle am American Horse Creek, als auch beim Diabetes Präventions Camp mit der Porcupine Clinic im Kochtopf. Anfangs verunsichert, Unkraut in der Suppe schwimmen zu sehen, danach hell begeistert über denVersuch, auf den kulinarischen Spuren ihrer Ahnen zu wandeln, zeigten die Lakota großes Interesse an den Verwendungsmöglichkeiten der Wildpflanzen.

Kein Weg war uns zu weit, keine Berg zu hoch, keine Straße zu uneben und auch kein Fluß zu tief.

Die Prärie hatte uns und zwar mit Haut und Haaren. Selbst die vielen, manchmal gefährlichen Überraschungen in Form von Sandwirbelstürmen oder das Auftauchen neugieriger Kriechgefährten mit Beisseffekt, konnte uns nicht bremsen.

Das Erntemesser in der einen Hand, den Tabak als Opfergabe in der anderen. Und im Rucksack immer genug Pflaster und eine große Flasche Wasser. Was braucht man mehr im Leben?

Die erste Kräuterexkursion führte in die Badlands, nahe Stronghold Table einem ehemaligen Geistertanz Platz und alter Grabesstätte.

Wir suchten nicht nur Planzen zur Herstellung der geplanten Produkte, sondern auch Wildgemüse und Kräuter für die Entwicklung einer sinnvollen Diabetes Diät. Diese eßbaren Wildpflanzen sollten bereits als Zutaten für das Essen der Baustellen - und Diabetes Camp Teilnehmer verwendet werden. Wir wurden schnell fündig und vor uns zeigten sich im bereits sehr trockenem Sandboden eine Vielzahl wilder Zwiebeln und Rüben. Die Knollen waren noch nicht ganz ausgereift, aber die Blüten, Blätter und Stengel konnten bereits für die Suppe verwendet werden. Das Aroma erinnerte an Sellerie und Liebstöckel, allerdings sehr viel intensiver. Das bedeutet, man benögtigt nur wenig Pflanzenteile um Suppen und Eintöpfe schmackhaft zu würzen.

Die Regenzeit war im Früjahr ausgefallen und auch der Winter hatte wenig an Schnee zu bieten. So war bereits Anfang Juni in weiten Teilen des Reservats der Boden ausgetrocknet und die Creeks und Flüße hatten wenig Wasser. Dies hatte zur Folge, daß das Buddeln in der Erde nicht so ganz einfach war.

Der harte Boden ließ nur wiederwillig die Freigabe der Pflanzen zu, was Kraft und Anstrengung kostete. Die Hitze sorgte schnell für Müdigkeit und so gönnten wir uns gern ein Päuschen um die faszninierende Landschaft der Badlands zu bewundern. Meditation für alle.

Wenige Tage später konzentrierten wir uns auf die Pflanzenwelt am American Horse Creek und dem dazügehörenden Hinterland, nahe der alten Grabstätten, welche wir respektvoll umgingen. Einmal war sogar Mike American Horse behilflich und führte uns durch das Dickicht entlang des klaren, schmalen Flüßchens. Wie bereits im American Horse Housing Report beschrieben, hatten wir es hier doch mit vielen Schlangen zu tun. So empfahl uns Emmet American Horse, ( Enkel des legendären Chief American Horse) auf alle Fälle einen Stock mitzunehmen. Auch warnte er davor, das Gelände um der alten Blückhütte seines verstorbenen Onkels Thomas American Horse zu begehen: >>There is a rattelsnake pit<<. Eine Klapperschlangen-Grube.......na wunderbar! Ich hielt es es diesmal lieber mit Höflichkeit und ließ Mike den Vortritt, immer schön darauf bedacht keinen Abstand zwischen seinen und meinen Füßen zu machen, damit sich auch ja kann kleines Schlängelchen dazwischen quetschen konnte.

Mike ist ein Urenkel des großen Chief American Horse und ein sehr guter Künstler und Maler. Leider ist er, wie so viele im Reservat, mit einem großen Alkoholproblem behaftet. Im nüchternen Zustand ist er ein netter und sanfter Geselle, doch der Alkohol läßt ihn leider oftmals zum randalierenden Monster werden. Ich war froh, als er seine Begleitung anbot, da ich wußte, dass das Sammeln der Kräuter und das Wandern über altes American Horse Land auf ihn eine positive , man kann sagen, therapeutische Wirkung haben wird. Und so sorgten wir dafür, daß er wenigstens an diesem Tag nicht zur Flasche griff. Ich habe oft mit Richard über dieses Problemthema gesprochen. Wir sind beide der Meinung, dass der Aufbau einer indianischen Produktelinie und das damit verbundene Sammeln von Pflanzen auch als Therapieprogramm bewertet werden kann. Der Kontakt zur Natur, verbunden mit der Rückkehr zu tradtionellem Wissen und Lebensgebräuchen, die Tätigkeit als Sammler über die Prärie zu streifen und den Menschen dann noch zu vermitteln, wie gesegnet dieses Land ist, dem sie, die Lakota angehören, könnte auch wieder mithelfen Identität und Menschenwürde zu finden.

Mike hat uns das an diesem Tag verdeutlicht. Ein talentierter aber gebrochener und labiler Mann, dem man wie vielen seiner Rasse beigebracht hat, sich der eigenen Herkunft zu schämen. An diesem Vormittag stand er für einem Moment da, als der, der er tatsächlich ist: ein großer und starker Mann, der Stolz auf sein Land und seine Kultur ist, ein Lakota!

Die Kräutertruppe bestand diesmal aus Mike, Judy, Beate, Richard, Peter und mir. Das Dickicht wurde immer höher und an den Snowberrybüschen hingen große Zecken gruppenweise, dicht an den gleichgroßen, getrockneten Beeren der Büsche. Als Mike vor mir plötzlich stoppte um einer kleinen Schlange den Vortritt zu lassen, wurde mir dann doch etwas mulmig. Wir setzten unsere Wanderung auf den Hügeln fort, um dann wenig später wieder in das Dickicht des Tales hinunterzusteigen. Unterwegs pflückten wir die ersten Pfefferminzsprößlinge und auch die Blätter der Wilden Bergamotte war fertig für erste Teezubereitungen. Mike spazierte zielsicher auf einen kleinen Canyon zu, als plötzlich vor uns die Ruinenreste einer alten Blockhütte auftauchten. >> Thomas American Horse lived there many years ago, <<, Mike deutete auf das verfallene Haus. Die Klapperschlangegrube! Wir zogen es vor einen großen Bogen um dieses Gebiet zu machen, trotzdem, wer weiß schon was in so Klapperschlangenköpfchen alles vor sich geht. Es war fast Mittagszeit und ich hatte für die Baustellen Truppe Kochdienst zu leisten. Eine gute Entschuldigung, zur Umkehr aufzubrechen.

Als nächstes Sammelgebiet wählte Richard eine Ecke nahe Manderson. Hier ist eines der wenigen, waldreichen Gebiete im Reservat, etwas hügelig. Man wird ein bißchen an das oberbayerische Voralpenland erinnert. Doch dort gibt es Tinpsilas. So nennen die Lakota eine wilde Rübenart, welche ein weiterer, wichtiger Bestandteil ihrer tradtionellen Ernährung war und ist.

Richard hatte eine große Schaufel mit, und im Schweiße seines Angesichts, buddelte er die ersten Wild Turnips für das bevorstehende Diabetes Präventions Camp. Er schälte für uns die ersten Knollen und wir aßen sie roh.

Tinpsilas bzw. Wild Turnips haben einen angenehmen süßlichen und mehligen Geschmack. Zusammen mit Kartoffeln und anderem Gemüse gekocht, ergeben sie eine sehr nahrhafte Mahlzeit.Wild Turnips werden heute noch von einigen Lakota gesammelt. Sie werden frisch zubereitet, oder aber, zu einem Zopf geflochten, getrocknet, um über die Wintermonate Verwendung zu finden. Dazu werden sie über Nacht in Wasser eingeweicht, danach in Scheiben geschnitten und dann gekocht. Hier fanden wir auch Lampsquarter, eine robuste Pflanze, die zahlreich innerhalb dieser hügeligen Landschaft vorzufinden war.

Zum Entsetzen unser Lakota-Versuchskaninchen auf der Baustelle, wurde auch diese Unkraut beim Kochen verwendet. Als wir aber erklärten, daß dieses großblätterige Kraut von den indianischen Vorfahren vielseitig verwendet wurde, wollte man garnicht mehr darauf verzichten: Lambsquarter in der Suppe, Lambsquarter im Gemüsereis, Lambsquarter im Salat und die ganz Mutigen aßen die Pflanze sogar roh. Sie enthält dreimal soviel Kalzium wie Spinat und ist reich an Vitaminen, besonders an Vitamin C und E, was sie besonders interessant für unsere Diabetes Diät macht.

Wenn man von traditonellee Ernährung der Lakota spricht man sofort vom Büffel. Das war aber nur ein Teil der damaligen Ernährung. Die Nomadenvölker der Prärie hatten eine sehr ausgewogene und vor allen Dingen sehr protein- und vitaminreiche Ernährung, was sehr auf die Verwendung der wilden Pflanzen zurückzuführen ist.

Zum Einsatz kamen z. B. auch die Ground Plums. Sie wachsen flach auf sandigem Boden, sehen wie Stachelbeeren aus und schmecken aber wie Erbsen. Eine wunderbare Zutat in die Suppe. Getrocknet und danach pulverisiert kann man sie zum Würzen vieler Speisen verwenden. Gemischt mit speziellen anderen Kräutern wurden sie von den Lakota in der Vergangenheit auch als Tonic verwendet.

Den letzten Tag verbrachten wir nördlich von Kyle, in einem wunderbaren Gebiet nahe des White Rivers. Als wir längs der alten Hoppelstraße fuhren, vorbei an den Badlandsausläufern durch ein silbergrünes Meer von Silversage, hatten wir alle das Bedürfnis anzuhalten. Wir stiegen, aus und jeder für sich setzte sich auf den sandigen Boden und atmete tief das würzige Aroma der uns umgebenden Pflanzen ein. Silversage, eine , für die Lakota heilige Pflanze, welche ähnlich zum White Sage für Zeremonien verwendet wurde und noch wird. Was für ein schöner Abschluß.


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