Lakota Village Ausbildungsprojekt Mai 2001

Workshop Dauer : 15. Mai bis 27. Mai 2001

Ort: Manderson, Pine Ridge Reservat, SD/U.S.A.

Verwendungszweck: Gemeindegebäude, Erholungszentrum für Kinder und Jugendliche

Finanzierung/Projektleitung: Lakota Village Fund e.V., Bernried

Bauleitung/Baukonzept: Hock Gmbh, Stutensee-Spöck (Karlsruhe)


Im November 2000 wird eine Gruppe Lakota Indianer von der Bernrieder Hilfsorganisation Lakota Village Fund nach Süddeutschland eingeladen. Ausschlaggebend war die DEA Aktion im Pine Ridge Reservat im August 2000, wo eine schwerbewaffnete Truppe von FBI Agenten zwei Hanffelder im Reservat zerstörte, welche von der White Plume Großfamilie ( Manderson) und Mitgliedern der Slim Butte Land Association im April 2000 angebaut wurden.


Bei den Feldern handelte es sich um Industriehanf, welcher für Baumaterialien hätte verwendet sollen. Die indianischen Hanfanbauer beriefen sich auf ein von ihrer eigenen Stammesregierung im Oktober 1998 erlassenes Gesetz, welches den Anbau von Nutzhanf legalisiert. Dies sollte als vielversprechender Schritt zum Aufbau einer eigenen Wirtschaftsgrundlage und damit verbundener Herstellung von Hanfprodukten, z.B. Baumaterial, Textilien, Papier und Nahrungsergänzungsmittel im Reservat führen. Nach den Ereignissen im August, organisiert der Verein Lakota Village Fund eine zweiwöchige >>Hanftour<<. Zusammen mit einer fünfköpfigen Lakota Delegation werden Unternehmen und Institutionen besucht, welche seit Jahren mit Hanf arbeiten und das Thema ausführlich studierten.


Der Besuch der von Hock Gmbh konzepierten ersten >>Hanf-Niedrigenergie Siedlung Deutschlands<< bei Karlsruhe und die dort angewandte Fertighauskonstruktion läßt die Idee des im Mai 2001 durchgeführten Hausbau Workshop in Pine Ridge entstehen. Nach mehreren Detailgesprächen entschließt man sich im Januar 2001 das Testprojekt im Reservat im darauffolgenden Frühjahr auf dem Gelände der White Plume Familie durchzuführen.


Zwischen 10. Januar und 12. Mai:

Es finden eine Vielzahl von Treffen und Telefonaten zwischen allen Beteiligten statt. Ziel ist die Erstellung eines Gemeindehauses mit Materialien aus dem Reservat. Die Lakota wollen von Anfang bis Ende, d.h. vom Fällen der Bäume bis hin zur Fertigstellung des Objekts, durch Eigenarbeit das Haus realisieren.Regelmäßige Telefonate mit Alex White Plume, dem Projektleiter im Reservat lassen bereits vorab Abenteuerliches ahnen.


Alex beginnt mit seinen Helfern im Januar mit dem Fällen der ersten Bäume. Die Arbeit wird erschwert durch katastrophale Wetterbedingungen. Mal ist es ein Blizzard, mal sorgen verheerende Regenfälle dafür, daß der Wounded Knee Fluß übertritt und Alex und seine Familie das Land nicht verlassen können.


Starker Dauerregen verwandelt das Reservat in kürzester Zeit in ein einziges Schlammfeld, so daß beim Fällen der Bäume die Männer kniehoch buchstäblich in Erdpampe stehen. Mehr als 100 Bäume müssen gefällt werden um die notwendigen 200 Kantbalken daraus zu sägen.


Es müssen Fundamentspläne neu zugesandt werden, nachdem Windboen den Satz aus Alex Lastwagen geblasen haben. Von da an flattern sie über die Prärie. Firmen außerhalb des Reservats nutzen die Chance und erstellen viel zu hohe Kostenvoranschläge für die Indianer oder verkaufen zu große Baumaterialsmengen.


13. Mai, Sonntag:

Abreise der Münchner Delegation bestehend aus: Michael Rappsilber (Zimmermann), Anna und Gerhard Barth (Unternehmer für Holzbearbeitungsmaschinen), Christina Voormann und Judy Grosch (Lakota Village Fund). Nach 16 Stunden Flug endlich Ankunft Denver Internation Airport um 20.19 Uhr Ortszeit. Abholung des Mietwagens und einchecken im Hotel um 22.15 Uhr.


14. Mai, Montag:

Nach 9 Stunden Autofahrt treffen wir am Wounded Knee Creek bei unserem Trailer ein. Wir gingen davon aus, daß die nächsten zwei Wochen einem Campingurlaub ähneln werden...es kommt noch schlimmer (oder romantischer, abenteuerlicher??). Da steht er unser Trailer....kein Wasser, keine Heizung, das Klo befindet sich 20 m den Berg hoch, gleich hinter dem siebten Busch rechts. Ein Pfad führte direkt auf eine große Grube zu. Die haben uns die Indianer ausgehoben, damit alles ein bißchen einfacher wird.


15.Mai, Dienstag:

Zuerst erfahren wir natürlich das Postive: das Fundament steht! Von Alex und zwei weiteren Lakota eigenhändig unter schwierigen Wetterbedingungen angelegt. Das Negative: das Holz ist nicht vorbereitet! Genauer gesagt ein Baumstamm von 110! Wie konnte das passieren? Es gibt viele Erklärungen und berechtigte Entschuldigungen: das schlechte Wetter der letzten Wochen und keine Fahr- und Transportmöglichkeiten. Während sich die indianische Truppe am Sägewerk abmüht, fährt die deutsche Delegation in die nächste größere Stadt, Rapid City zum Baumarkt. Die Anmietung eines stabilen Pickups erweist sich trotz des Namens der Vermietungsstation >>Rent a Wreck<<, als gute und wichtige Entscheidung.


16. Mai, Mittwoch:

Jetzt geht es richtig los! Die indianische Truppe arbeitet am Sägewerk, die Deutschen gehen auf der Baustelle an die Arbeit: Das Fundament muß mit Erde und Hanfschäben ausgestopft werden. Das ist die richtige Arbeit für Frauen. Sobald Kanthölzer am Sägewerk fertig sind werden Sie auf die Baustelle gebracht. Es wird synchron gearbeitet. Und das sollte noch lange so gehen. Der erste Frust breitet sich auf deutscher Seite aus.


17. Mai, Donnerstag:

Das Fernsehteam filmt die indianerlose Baustelle und interviewt mich u.a. über die Hanf-Situation. Immerhin hatten Alex und seine Familie ein paar Wochen zuvor wieder 16.000 qm Hanf angebaut, direkt neben der Baustelle. Ich weise daraufhin , daß immer noch vonseiten des FBI Gefahr bestünde, wieder einzugreifen.


Seit zwei Tagen fliegen in regelmäßigen Abständen FBI Hubschrauber über die Baustelle und über das alte Hanffeld, welches sich am Trailer der Deutschen befindet. Auch dort wächst wieder Hanf, schöner als im neuen Feld. Der Hanf hat sich dort alleine ausgesät, ob nun das FBI >>Mutter Natur<< auch mit Haft droht?


Kaum habe ich gegenüber dem Fernsehteam die Problematik erläutert, kommen Michael und Gerhard aufgeregt zurück. Das FBI sucht Alex! Sie haben den schwarzen Jeep mit 4 Agenten gesehen. Die Indianer schicken das Auto auf eine falsche Fährte. Das können sie wirklich gut! Und so sieht man das schwarze FBI Gefährt immer wieder am Horizont auf irgendeiner anderen Straße auftauchen.


Kurz nachdem auf der Baustelle bekannt wurde, daß das FBI hinter Alex her sein würde, sammelen sich neun seiner Pferde auf dem Hanffeld, bilden einen Kreis und legen die Köpfe gegenseitig auf die Rücken. So stehen sie stundenlang, bis in den Abend hinein und die Situation sich langsam klärte.


Die Deutschen nehmen dies mit großem Erstaunen zur Kenntnis. Wir wußten, daß Alex ein hervorragender Pferdehalter ist und diesbezüglich einen ganz besonderen Ruf hat. Ich nannte ihn deshalb den Pferdeflüsterer von Pine Ridge. Das ist er wohl und seine Pferde versuchen auf ihre Art ihn und sein Hanffeld zu beschützen. Judy schreibt ein wunderschönes Gedicht darüber.


Noch am selben Abend reisen Alex Anwälte an. Sie teilen ihm mit, daß er entweder das Feld umpflügen oder 10 Jahre ins Gefängnis gehen muß. Eine schwere Entscheidung, wenn man bedenkt, daß der Hanf von den Lakota auch als Symbol ihrer Souveränität gelten soll.

18. Mai, Freitag:

Alex ist verzweifelt und spielt zum ersten Mal mit dem Gedanken, das Projekt abzubrechen. Er fühlt sich von seinen Söhnen und Neffen im Stich gelassen. Sie sollten alle mithelfen, spätestens ab diesem Freitag, denn die großen Sommerferien hatten begonnen. Doch keiner läßt sich blicken.


Ich versuche Alex wieder zu motivieren und schlage vor, zu den bereits vorhandenen Teilnehmern, einer Gruppe Lakota der Slim Butte Community und zwei von Alex Freunden, zusätzlich 2 - 3 Mitarbeiter gegen geringe Bezahlung zu engagieren. Dies ließe sich ja auch wunderbar mit dem LVF Ziel der Arbeitsplatzbeschaffung vereinbaren.


19. Mai, Samstag:

Die Lakota teilen sich in zwei Gruppen: eine, die ständig am Sägewerk , eine kleinere zweite Gruppe, die unter Michaels Leitung auf der Baustelle arbeitet. Darunter auch Henry Red Cloud, Ururenkel des großen Lakota Häuptlings Red Cloud.

Zwischendurch immer wieder bayerisch angehauchte Trailerkost. Bauernfrühstück mit Salat, deftigen Bohneneintopf, Kartoffelsuppe mit Speck und Würstl...viel frisches Gemüse und viel Salat. Ungewohnte Vitaminbomben für die ausgehungerten Indianer.


20. Mai, Sonntag:

Das Wetter schlägt plötzlich um. Von heißen, durch Wind erleichterten Temperaturen über den Tag, bis hin zu Frost während der Nacht, durchwandert das Wetter alle Schattierungen. Am Nachmittag dann Sturmwarnung für das gesamte Reservatsgebiet!


Ein Großteil der Indianer, welche in den beiden Tipis übernachteten, flüchten in den Trailer, um über weiter Maßnahmen zu sprechen. Man befürchtet sogar einen Tornado. Nun hat unsere Hauskonstruktion den ersten Bewährungstest vor sich.


21. Mai, Montag:

So geschieht es auch. Nach einer gut durchschüttelten Nacht, verbringen Michael, Gerhard und ein kläglich kleiner Bautrupp den Montag nur mit äußersten Schwierigkeiten auf der Baustelle. Der immer noch starke Wind und der aufgwirbelte Sand zermürbt die Nerven der Deutschen.


Am Abend dann zur Krönung des Tages, der absolute Stromgau! Pünktlich nachdem ich das Abendessen fertiggekocht habe, verläßt uns der Strom aus allen Steckdosen, bis auf eine, und die befindet sich im hintersten Teil des Trailers, in Anna und Gerhards Schlafzimmer.


22. Mai, Dienstag:

Dienstag heißt es am Sägewerk:>>Alle Kraft voraus!<< Um den Rohbau bis Ende der Woche erstellen zu können, werden noch viele Balken benötigt. Die Slim Butte Leute kommen mit verstärkter Truppe und einem großen Traktor zurück, der auch die großen Balken und Stämme ziehen kann.


Mit dabei auch Rusty, ein junger Lakota, der durch Unterstützung von LVF eine zweimonatige Ausbildung in Holzrahmenbau bei einer namhaften Schule an der Ostküste absolvieren konnte. Ein begabter Handwerker und voller Schaffensdrang. Das wird nun fast Michael und Gerhard zu viel des Guten : >>Der kann ja gleich die Bauleitung übernehmen>>. Aber die beiden sind natürlich erleichtert und froh über die tatkräftige Unterstützung.


24. Mai, Donnerstag:

Michael ist verzweifelt. Die Balken für das Dach sind zu dünn. Die Reservatsbäume geben die benötigen Maße nicht her. Wir telefonieren alle möglichen Sägewerke im Umkreis von 200 km ab, keine Chance. Da hilft nur eines: improvisieren, wie schon so oft! Wir kaufen ein Satteldach im Baumarkt.


25. Mai, Freitag:

Um 6 Uhr morgens fahren Michael, Alex und ich los, mit zwei Pickups und einem Anhänger. Der zweite wurde telefonisch Donnerstagabend reserviert und muß bis spätestens um 7.30 bei der Mietstation in Rapid City ( 140 km entfernt) abgeholt werden.


Unterwegs auf halber Strecke, ein Beinah-Unfall. Überwältigt von den Naturschönheiten der Badlands und damit verbundenen Himmelsstimmungen, übersehen Michael und ich eine scharfe Kurve.In Rapid City geht alles glatt mit dem Einkauf im Baumarkt: Dachstuhl, Dachplatten, Dacheindeckung, Bretter für den Fußboden. Auf jedem Anhänger lastet ein Gewicht von ca. 3 Tonnen. Nach einer kleinen Essenspause geht es zurück ins Reservat.


Plötzlich 10 Meilen vor der Baustelle Rauchwolken hinter uns. Ein Reifen ist geplatzt: >> Wir fahren langsam weiter, Alex beobachtend hinter uns. Nach weiteren 5 Meilen überholt er .......der zweite Reifen auf der gleichen Anhänger Seite ist auch geplatzt. Da stehen wir nun, mitten in der Prärie hinter uns 4 Adler! Was hat denn das wieder zu bedeuten?

26. Mai, Samstag:

Ein gutes Dutzend Lakota schaffen auf der Baustelle von früh am morgen bis spät in den Abend hinein. Von allen Himmelsrichtungen kommen sie her, Handwerker, Studenten, ehemalige Wounded Knee Besetzer mit tätowierten Armen turnen mit Hammer und Nägeln auf dem Dach herum. Dazwischen viele Kinder, erstaunt darüber, erwachsene Männer arbeiten zu sehen ( 85 % Arbeitslosigkeit im Reservat). Das ist ja was ganz Neues, aber toll!!


27. Mai, Sonntag:

Ziel des Tages ist die komplette Eindeckung des Hausdaches. Die Deutschen sollen den Rohbau sehen, bevor sie abreisen. Sie sollen sehen, daß die Lakota arbeiten können, wenn sie über das nötige Knowhow verfügen, und daß sie etwas schaffen und ändern wollen. Und vor allen Dingen wollen sie beweisen, daß sie es auch können.


Bis zum Nachmittag gesellen sich auch Söhne und Neffen von Alex dazu. Endlich hat das Fieber alle gepackt. Der Rohbau ist von weit her zu sehen. Viele Neugierige kommen zur Baustelle und bewundern dieses stabile, >>deutsche Haus<<. >>Das ist typisch deutsch<<, meint ein alter Mann, >>das wird 500 Jahre stehen...mindestens.>> Sein zahnloses Grinsen ist herzlich, echt und voll Dank.

Wir sind stolz...das Ziel ist erreicht!


28. Mai, Montag:

Geplant ist unsere Abreise für 9 Uhr. Wir hatten am Vorabend alles gepackt und die gesamten Küchenutensilien zu Rosie Olson gebracht, einer benachbarten Deutschen, die während der ganzen Zeit hilfreich zur Seite stand. Es kommt natürlich ganz anders.


Statt geplantem gemeinsamen Frühstück mit Alex, stürmt er um 8 Uhr zur Tür herein und bittet uns um Hilfe. Zwei Büffelkälber sind durch ein Zaunloch geschlüpft. Wenn sie nicht rechtzeitig ins Gehege gebracht werden, würde die gesamte Herde ausbrechen. Was das bedeutet muß er uns nicht näher erklären.


Dann geht es ab in Alex Pick up. Anna und Gerhard hinten stehend und ich vorne, neben Alex. >>Schnall Dich gut an, jetzt wird es etwas turbulent<<, meint Alex noch. Was dann folgt, gleicht eher einer Verfolgungsjagd von Miami Vice.


Schließlich, nach einer Stunde gelingt es mit Tricks, den kleinen Reißaus in den Korall zu treiben. Wir können endlich abreisen. Eine Tagesfahrt nach Denver liegt noch vor uns, von wo wir am nächsten Tag unsere Heimreise antreten wollen.


<< zurück




posmedia internetagentur | log7.de